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Rezensionen

Fono Forum, Musica sacra, ÖMZ, Die Tonkunst, fermate, Musik und Kirche

Fono Forum, Februar 2006, S. 54

König der Königin

Louis Vierne war zu seinen Lebzeiten ein bekannter Organist, hatte bei Franck und Widor studiert und war 37 Jahre lang der Organist von Notre-Dame in Paris. Die Kompositionen des von vielen Schicksalsschlägen getroffenen Mannes sind in den letzten Jahren zunehmend wieder in den Blickpunkt gerückt und gelten mittlerweile als Endpunkt der so genannten „französischen Orgelsinfonik”. Da eine ausführliche Analyse dieser Werke in deutscher Sprache bisher fehlte, hat sich jetzt Markus Frank Hollingshaus ihrer angenommen. Der aktive Kirchenmusiker untersucht die Musik Viernes in seinem vom wissenschaftlichen Ansatz geprägten Arbeit ausführlich nach formalen und harmonischen Gesichtspunkten und versucht sie abschließend in den musikhistorischen Zusammenhang einzuordnen, wobei er auch ihre mögliche Verwendung als liturgische Musik diskutiert. Das umfangreiche Buch „Die Orgelwerke von Louis Vierne” ist im Verlag Dohr erschienen und kostet 49,80 Euro.
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c p,
Musica sacra, 125. Jahrgang, Heft 6, Nov./Dez. 2005, S. 59 f.

Markus Frank Hollingshaus: Die Orgelwerke von Louis Vierne.

Die zu beobachtende Tendenz, dass immer mehr Organisten sich nicht nur eingehend mit dem Notentext beschäftigen, sondern vielmehr darüber hinaus versuchen, das Umfeld der Kompositionen und deren Schöpfer zu erkunden, ist mehr als zu begrüßen. Bücher wie das vorliegende des Musikwissenschaftlers, Kirchenmusikers und Komponisten Markus Frank Hollingshaus kommen diesem Vorhaben entgegen, ja vermögen das aufkeimende Interesse gar zu fördern. Der Autor legt in seiner 400 Seiten starken Promotionsarbeit alle Orgelwerke von Louis Vierne detailliert dar. In einer recht knapp gehaltenen Einführung wird die Konzeption der Arbeit wie auch der aktuelle Forschungsstand vorgestellt. Dieser erfährt kritische, fundierte Würdigung und macht staunen, dass in der vorangegangenen Literatur einzig die Orgelsymphonien behandelt wurden. Die Biographie ist vorteilhaft kurz gehalten und lässt Raum für das eigentlich zu behandelnde Sujet. Das Grundkonzept dieses Buches beruht auf der eingangs aufgestellten These, dass es in Viernes Orgelwerken zwar Parameter gibt, die sich offensichtlich chronologisch entwickeln, daneben aber diverse Konstanten im Werkverlauf nachzuweisen sind.
Hollingshaus gibt in einer Kurzvorstellung einen Überblick über die 62 zu behandelnden Orgelwerke und deren historische Einordnung. Die am Ende eines jeden Abschnitts stehenden Zusammenfassungen konkretisieren die erarbeiteten Thesen auf willkommene Art und stellen immer wieder den Bezug zum Gesamtschaffen Viernes her. Das zweite umfangreiche Kapitel behandelt "spezielle Parameter" wie Großform, musikalischen Satz, Themenbildung, Taktmaße und allen voran Harmonik. Obwohl der Schluss der Arbeit sehr kurz gehalten ist, bleiben die Ergebnisse der Arbeit unmissverständlich klar. Hollingshaus zeigt sich als Autor, der über formale und harmonische Analysen hinweg außermusikalische Sachverhalte wissenschaftlich nachzuweisen versucht. Dass ihm dies gelingt, liegt unter anderem an der hervorragend durchdachten Gliederung wie an der Klarheit seines Stils.
Dass Hollingshaus den Leser – sei es Liebhaber, Student oder Lehrer zum eigenen Nachvollziehen der Betrachtungen anregt, ihn die eigene Meinung finden lässt und nicht einfach sein Wissen doziert, ist ein weiteres Plus dieser Veröffentlichung. Man wünschte sich, der Autor übernähme die "lohnende Aufgabe, über die Orgelwerke hinauszublicken und sich Viernes Kammer- und Vokalmusik vorzunehmen” selbst in der hier erwiesenen Umfassendheit und Gründlichkeit.
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Thomas Daniel Schlee,
ÖMZ 12/2005, S. 78 f.

MARKUS FRANK HOLLINGSHAUS: DIE ORGELWERKE VON LOUIS VIERNE.

Die Zeit schien reif, nun auch in deutscher Sprache eine umfassende analytische Arbeit über das umfangreiche Orgelschaffen des illustren Organisten von Notre-Dame de Paris, Louis Vierne (1870-1937), vorzulegen. Mag sein, dass die Ursache für die in den USA bisher recht zahlreich erschienenen Publikationen über Vierne im jenseits des Atlantiks nach wie vor vielfach weitergeführten symphonischen Stil und Klangideal liegt. In Europa jedoch hatten diverse historisch nachrückende ästhetische Positionen das Repertoire der letzten spätromantischen Blüte über Jahrzehnte gerade mit einem Bann belegt. Nun ist der Blick wieder frei, die Distanz lässt wieder Raum, sich der Faszination dieser Musik hinzugeben.
Mit großer Akribie hat sich Markus Frank Hollingshaus diversen konstituierenden Elementen der Vierne'schen Tonsprache angenähert: Harmonik, Form, Klangästhetik, verbunden mit Aspekten des Orgelbaus – all dies wird sinnvollerweise nach inhaltlichen Schwerpunkten und nicht nach der Chronologie der Werkentstehung geordnet dargestellt. Biographisches wird bewusst nur gestreift. Bemerkenswert und nützlich für eine Korrektur hierzulande noch immer grassierender Vorurteile über die angebliche Oberflächlichkeit französischer Musik sind etwa die zahlreichen Nachweise, die der Autor über die formale Strenge und Konsequenz in Viemes Schaffen (nicht nur in dessen 6 Orgelsymphonien, sondern auch in den zunächst eher als Charakterstücke anmutenden "Pieces de Fantaisie") führt. Besonderes Augenmerk widmet Hollingshaus der exzessiven Chromatik, die Vieme tatsächlich als letzten großen französischen Orgelkomponisten einer musikgeschichtlichen Entwicklung ausweist. Aber gerade hier sehe ich – weitaus öfter als der Autor – die Methode einer funktionalen Bestimmung harmonischer Prozesse an ihre Grenzen stoßen. Nicht erst im Spätwerk Viernes entstehen die Zusammenklänge nach meiner Auffassung wesentlich häufiger durch die Bewegungsabläufe der Stimmen (oder der "Griffe", sprich: der Akkorde) als aus einer den Fluss zu einer Abfolge erstarrter Momente missdeutenden harmonischen Vivisektion. Es war diese Loslösung von einer architektonisch wirksamen, also klaren Harmonik (deren horror vacui eine deutliche Tendenz zur farblichen Unbestimmbarkeit aufweist), die manche von Viernes Zeitgenossen (von seinem stilistischen Widerpart, dem genialen Charles Tournemire, bis zum frühen Olivier Messiaen) bereits für radikal andere, nämlich modale Lösungen optieren ließ. Aufgrund des umfassenden Anspruches und der vielen wertvollen Querverweise (stets durch zahlreiche Notenbeispiele exemplifiziert) bleibt es ein wenig bedauerlich, dass Viemes Orchestersymphonie, die seiner ersten Orgelsymphonie stilistisch in charakteristischer Weise zur Seite steht, keine Erwähnung findet. – Dennoch: ein Meilenstein musikwissenschaftlicher Auseinandersetzung mit Louis Vierne.
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Enrico Ille,
DIE TONKUNST online / Ausgabe 0510 / 1. Oktober 2005

Markus Frank Hollingshaus: Die Orgelwerke von Louis Vierne

Hollingshaus, Kirchenmusiker und studierter Musikwissenschaftler, hat mit seiner hier vorliegenden Dissertation eine klar systematisierte und exakte analytische Aufarbeitung von Viernes Orgelwerken erstellt. Er verfolgte dabei das Prinzip, sich von der Makrostruktur nach und nach zu den Details vorzuarbeiten und erreicht damit trotz der 400 Seiten fast ausschließlicher Analyse sehr gute Übersichtlichkeit. Dabei fokussiert er deutlich: Die Biographie wird auf fünf Seiten zu Beginn kurz umrissen, den Abschluss des Buches bilden ebenso kurze Kapitel über französische Orgelmusikgeschichte, musikalische Einflüsse auf und von Vierne, sowie stilistische Fragen und Nachwirkung. Hierbei öffnet er eher Ausblicke auf mögliche thematische Felder und ihre bisherige wissenschaftliche Bearbeitung.
Das primäre Material ist mit 62 überlieferten Werken vergleichsweise übersichtlich. Die Bedingungen ihrer Entstehung sind symptomatisch in der Art und Weise zu erkennen, wie Louis Vierne (1870-1937) starb: Bei der Uraufführung von Triptyque op. 58 erlitt er genau zu Beginn der Improvisation eine Herzembolie, der Schlusspunkt einer langen Reihe von Krankheiten und Unglücksfällen, der Auseinandersetzung mit seiner Sehschwäche und mehreren Verlusten. Die starke Ausrichtung seines Lebens auf das Orgelspiel verbindet ihn mit Zeitgenossen wie César Franck, Charles-Marie Widor und vor allem Alexandre Guilmant und Marcel Dupré. Hollingshaus stellt Vierne dabei als Schnittstelle zwischen zwei französischen Orgeltraditionen dar: Auf der einen Seite steht die starke Konzentration auf Bachwerke, nach Frankreich primär durch Jacques-Nicolas Lemmens vermittelt (über Widor und Guilmant) und in der Auffassung einer strengen, an Polyphonie orientierten Haltung verpflichtet. Auf der anderen Seite die vor allem durch Franck und Saint-Saëns geführte Richtung, die trotz starker Einbeziehung der polyphonen Traditionen offener war für die romantische Musik Lisztscher und Wagnerscher Prägung sowie Elementen von Charakterstücken und anderen Kleinformen und vor allem der Improvisation größeres Gewicht gab. Schließlich waren auch Gabriel Fauré und Claude Debussy für Vierne nicht unbedeutend, so dass eine impressionistische Tonsprache bei ihm anklingt. Vor allem in den letzten Orgelsymphonien bezieht Vierne teilweise Klangmittel der Avantgarde ein.
Hollingshaus belässt es mit Hinweisen auf lexikalische Artikel, autobiographische Quellen von Vierne, Dupré, Duruflé u.a. und Monographien etwa von Bernard Gavoty bei dieser Rahmung, um nüchtern festzustellen: "Über die Verbindung von Biographie und Werk bedarf es einer differenzierten Untersuchung, die im vorliegenden Buch nicht vorgenommen werden wird." (5) Er geht für seine Analyse von zwei Gedanken aus, einem expliziten und einem impliziten. Explizit führt er aus, dass man prinzipiell chronologisch oder systematisch an einen Werkekatalog herantreten kann. Hierbei setzt er seine eigene Arbeit von allen vorherigen Forschern ab, indem er nicht nur die Systematik wählt, sondern auch alle Werke einbezieht. Die Systematik wird in den beiden Hauptteilen auf zwei verschiedene Art und Weisen angegangen. Zuerst nutzt Hollingshaus die Formbestimmung als Leitfaden, basierend auf der Beobachtung, dass die meisten Werke von Vierne, nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit der Orgelsonatentradition, an Satztypen orientiert sind. Dabei klassifiziert er 6 Satztypen, achtet aber gemäß eines dominanten kompositorischen Diskurses der Zeit auch auf das Vorkommen zyklischer Themenbehandlung. Allerdings kommt er dabei eher bei einer einfachen Zusammenstellung bisheriger Bewertungen an, ergänzt durch eine im Vergleich mit dem Folgenden sehr fragmentarischen Analyse, die der Bedeutung dieses Gestaltungsmittels nicht gerecht wird.
Die Strukturierung dieses Teils ist konsequent, orientiert an dem klassischen Standard der Symphonie mit Sonatenhauptsatz / Variationssatz, Adagio / Cantilene, Scherzo und Schlusssatz erläutert Hollingshaus einige Beispiele, um am Ende eine Schlussfolgerung über die allgemeine Behandlung dieser Formvorgaben zu ziehen. Was jedoch bei einer auf Analyse fokussierten Arbeit etwas fehlt, ist eine kritische Betrachtung dieser Standards, denn in der kommentarlosen Verwendung erscheinen sie als dogmatisches, unabänderliches Orientierungsmuster, was der musikalischen Praxis zu keiner Zeit entspricht. So sehr die Abweichung vom Standard gewürdigt wird, müsste doch auch die Frage gestellt werden, ob und woher diese Standards im speziellen Fall kommen, mindestens mit Hinweis auf einschlägige Lehrwerke oder theoretische Diskurse der Zeit.
Hollingshaus verschiebt den Blickpunkt im zweiten Hauptteil auf "Spezielle Parameter", indem er noch einmal kurz die Großformen betrachtet, dann aber an die musikalischen Details wie der Kontrapunktik, Themenbildung, Harmonik und Instrumentation geht. Wie auch im ersten Hauptteil sind es eingestreute Exkurse, die den Reiz erhöhen, indem sie das eigene Kombinieren von Aspekten ermöglichen. So wird etwa durch die Auflistung der Registrierung der Orgel in Notre-Dâme de Paris einfach ein greifbarer Bezug zu den Ausführungen über Instrumentation hergestellt. Der implizite Gedanke ist die Antwort, die Hollingshaus bewusst oder unbewusst auf langjährige Diskussionen um den Werkbegriff gibt. Betrachtet man seine Publikation - vor allem im Hinblick darauf, dass es sich um eine Dissertation handelt - als einen handwerklichen Beitrag zur Erschließung von Notenmaterial, der ebenso notwendig wie zur weiteren Forschung notwendig ist, lässt sich sehr viel dieser Diskussionen relativieren. Und doch muss wenigstens leise der Vorwurf geäußert werden, dass fast sämtliche Gedanken um Interpretation, Entfaltung von Musik in der Zeit, musiksoziologische Aspekte u.v.a. zu Gunsten eines starren Werkbegriffs implizit ausgeschlossen wurden.
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Peter Gnoss,
fermate, Heft 24/4 (2005), S. 43

Vierne – eine höchst interessante Persönlichkeit

Nach der Kür mit den Tagebüchern ("Meine Erinnerungen", 2004, weiterhin im Handel erhältlich) folgt im Verlag Dohr jetzt die Pflicht zu Louis Vierne.
Die Dissertation von Markus Frank Hollingshaus stellt die Orgelwerke Viernes vor, erstmals in deutscher Sprache ausführlich analysiert und nicht nur auf Teilbereiche beschränkt. Wer sich fragt, wie man 402 Seiten mit den Werken eines Mannes füllen kann, der eigentlich als Orgelvirtuose bekannt ist, sollte sich der Mühe unterziehen, sich näher mit diesem Buch zu befassen.
Nach einer relativ knappen Einführung (Konzeption, Forschungsstand, Biographie) und einer Kurzvorstellung der zu behandelnden Werke und ihrer historischen Grundlagen befasst sich der erste Hauptteil mit einer vergleichenden Analyse der Form, der zweite Hauptteil mit speziellen Parametern wie Satz, Kontrapunktik, Melodik, Harmonik, formalem Aufbau und Fragen der Ästhetik und der liturgischen Funktion. Beschlossen wird die Untersuchung mit der Einordnung der Musik Viernes in die Musikgeschichte. Dieser – relativ kurze – Teil ist eigentlich der wichtigste, fasst er doch das Wirken Viemes und den Einfluss, den seine Persönlichkeit und sein Werk auf Zeitgenossen und Schüler gehabt hat, griffig zusammen.
Wer die Scheu ablegt, sich in beide Hauptteile hineinzulesen, die im besten Sinne eine Fleißarbeit geworden sind, kann danach wirklich mitreden, wenn das Gespräch auf französische Orgelromantik oder Orgelsymphonie kommt. Ansprechen wird das Buch natürlich in erster Linie den Orgelfachmann; durch den relativ gut lesbaren Stil ist es aber auch für Nichtorganisten, die sich für die Musik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts interessieren, durchaus zu empfehlen. Schön, dass sich jetzt zwei Bücher mit der höchst interessanten Persönlichkeit Viernes befassen. Französische Orgelmusik scheint im Verlag Dohr zu einer echten Nische zu werden.
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Sven Hiemke,
Musik und Kirche 2005, S. 385 f.

Viernes Orgelwerke

Louis Vierne gehört fraglos zu den ganz großen Persönlichkeiten der französischen Musikgeschichte. Es muss daher erstaunen, dass sein Œuvre kaum je Gegenstand einer breiter angelegten Untersuchung war. Selbst Beiträge zu Viernes Orgelwerken finden sich – zumindest in der deutschsprachigen Forschung – bislang nur ganz vereinzelt.
Markus Frank Hollingshus erschließt nun diesen Werkkorpus in einer Mainzer Dissertation mit einem systematischen Ansatz: Sämtliche Sätze aus Viernes sechs Symphonies pour orgue, aus seinen Sammlungen Pièces en style libre und Pièces de fantaisie, den beiden Orgelmessen nebst einigen weiteren Einzelstücken werden zunächst typologisch geordnet und analysiert; dann folgen vergleichende Beobachtungen zur Melodie- und Themenbildung und zu den harmonischen und rhythmischen Gestaltungsmodi, die der Komponist bevorzugt nutzte. Flankiert werden diese Auskünfte mit Informationen zu den musikalischen Anregungen, die Vierne namentlich von seinem ersten Lehrer César Franck erhielt, mit Erörterungen zum liturgischen Gehalt der Stücke und zu Viernes symphonischer Orgelästhetik, wie sie sich in der kompositorischen und spieltechnischen Behandlung des Instruments zeigt.
Die methodische Herangehensweise, mit der innermusikalische Sachverhalte ausgiebig zur Sprache kommen (wohingegen die Chronologie der Werke – entstanden in einem Zeitraum von immerhin vierzig Jahren – kaum eine Rolle spielt), legitimiert Hollingshaus mit seiner These eines weitgehend konstanten Personalstils Viernes, den er mit seinen Vergleichen von Formen und Themen gut differenziert: Herausgearbeitet werden unter anderem die Dominanz des Sonatenhauptsatzes in den Kopfsätzen von Viernes Symphonien, die von ihm favorisierte A-B-A-Gestaltung von Adagio-Sätzen, der einheitliche Charakter der Scherzi (durch ähnliche Registrierungen, Länge, Tempi und Metrik) und Viernes kunstvoller Umgang mit dem Satztyp der "französischen Toccata". Mit diesen minutiösen Analysen und im Diskurs mit anderen Autoren auch amerikanischer Provenienz erweist sich Hollingshaus als intimer Kenner von Viernes Musik und als ein Autor, der sämtliche erreichbare Literatur zu seinem Thema rezipiert hat.
Doch so überzeugend die wissenschaftliche Leistung in diesem Buch, so ermattend grau ist oft der Text. Zu einem Gutteil liegt dies an den vielen Redundanzen – etwa wenn Hollingshaus erklärt, die Scherzi von Vierne hätten nicht nur "der Orgelmusik eine neue, bisher nicht dagewesene Art des Ausdrucks hinzugefügt", sondern seien auch "ohne Vorbild im Bereich der Orgelkompositionen" und daher vermögend, dem "Orgelklang eine eigene Ausdrucksqualität abzuringen" (S. 126). Die Pièces de fantaisie, so liest man an anderer Stelle, bestehen aus "sechs Werken meist sehr unterschiedlichen Charakters, ein direkter Bezug scheint nicht vorzuliegen", die Abfolge der Sätze unterliege "keine[r] strenge[n] Logik", es überwiege "der Charakter einer Sammlung von Einzelsätzen" (S. 11). Andere Buchpassagen fallen durch stilistische Unsicherheiten auf: "Vierne konnte von der spätromantischen Ästhetik nicht loskommen", resümiert der Autor, als handele es sich dabei um eine schlechte Angewohnheit, und zur Messe basse pour les défunts, Viernes letztem Orgelwerk, wird schwerwiegend festgestellt: "In ihr ist [...] die depressive Grundhaltung des Komponisten in Reinform" zu erleben – es sei dies eine Musik, mit der Vierne "seinen Werkkatalog und sein Leben" abgeschlossen habe (S.379).
Ein fähiger Lektor war offensichtlich nicht vorhanden, auch niemand, der die 500 Notenbeispiele auf eine einheitliche Größe skaliert hat (was auf einigen Seiten zu einem reichlich bizarren Layout führt).

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