VIERNE, Louis, frz. Organist und Komponist, * 8. Okt. 1870 in Poitiers, † 2. Juni 1937 in Paris.

Louis Vierne gehört zu den wenigen Musikern, die eine Autobiographie veröffentlicht haben (“Mes Souvenirs”); zusammen mit publizierten Teilen des Tagebuchs (“Journal”) ergibt sich so ein umfassendes Bild über den beruflichen Werdegang, aber auch ein Einblick in die Pariser Organistenszene des frühen 20. Jahrhunderts.
Vierne wurde fast blind geboren, konnte aber nach einer Augenoperation im achten Lebensjahr eine geringe Sehfähigkeit erlangen. Ein in Paris lebender Onkel, der als Oboist tätig war, entdeckte das musikalische Talent des Jungen. Vierne erhielt seine Ausbildung im Pariser Blindeninternat Institut nationale des jeunes aveugles in den Fächern Klavier, Violine und Orgel (Adolphe Marty). Er war Privatschüler von César Franck und wurde 1890 in die Orgelklasse des Konservatoriums aufgenommen, die nach Francks Tod von Charles-Marie Widor geleitet wurde. Widor schätzte Vierne sehr, er machte ihn 1892 zu seinem Vertreter an St.-Sulpice und 1894 ernannte er ihn zu seinem Lehrassistenten in der Orgelklasse. Dieses Amt behielt Vierne auch nach deren Übernahme durch Alexandre Guilmant 1896. Widor leitete ab diesem Jahr die Kompositionsklasse und gab Vierne privaten Kompositionsunterricht. Im Jahr 1900 wurde Vierne einstimmig zum Titularorganisten von Notre-Dame in Paris gewählt, er behielt dieses prestigeträchtige, aber schlecht bezahlte Amt bis zu seinem Tod, den er während eines Orgelkonzertes in dieser Kirche erlitt. Ab 1911 unterrichtete er an der von Guilmant und Vincent d’Indy gegründeten Schola cantorum in Paris. Über Jahre war Vierne an der Ausbildung aller großen Organisten beteiligt. Zu seinen bekanntesten Schülern zählen Maurice Duruflé und Nadia Boulanger. Vierne hatte stets mit seiner Gesundheit zu kämpfen. Um sein Augenleiden zu lindern, hielt er sich ab 1916 vier Jahre lang in einem Schweizer Sanatorium auf, wofür sein gesamtes Vermögen herhalten mußte. Widors Meisterschüler Marcel Dupré übernahm in dieser Zeit den Organistendienst in Notre-Dame, er organisierte auch Benefizkonzerte zu Viernes Gunsten in Amerika. Zahlreiche Konzertreisen führten Vierne als Organist durch ganz Europa (1921 Deutschland) und 1927 nach Amerika, wo er enthusiastisch aufgenommen wurde. Von weiteren Schicksalsschlägen betroffen, litt er zunehmend an Depressionen, die sich auch im schwermütigen Tonfall seiner späten Werke bemerkbar machen.

Obwohl Vierne 37 Jahre lang als Titularorganist an Notre-Dame wirkte, hat er verhältnismäßig wenig originäre Kirchenmusik komponiert. Sein bekanntestes Werk ist die 1900 veröffentlichte große Messe solennelle op. 16 für vierstimmigen Chor und zwei Orgeln. Die Musik nutzt die Möglichkeit, die in den größeren Kirchen vorhandene Chororgel der großen Orgel gegenüberzustellen. Des weiteren schrieb Vierne ein Tantum ergo und vertonte zweimal das Ave maria. Am bekanntesten sind heute seine Orgelwerke. Darunter gibt es zwei Messen für den liturgischen Gebrauch, die 1913 gedruckte Messe basse op. 30 und die für Requien bestimmte Messe basse pour les défunts op. 62. Als Ironie des Schicksals ist zu werten, daß dieses Werk Viernes letzte vollendete Komposition war. Beide Messen sind auch auf dem Harmonium darstellbar. Nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) sind sie jedoch nicht mehr in ihrer eigentlichen Form im Gottesdienst zu gebrauchen. Vierne schrieb insgesamt sechs große Orgelsymphonien, die aber nur ausschnittweise im Gottesdienst einsetzbar sind. Sie sind eher für Konzerte gedacht, die oft auch an Konzertsaalorgeln veranstaltet wurden. War die erste Symphonie aus dem Jahr 1899 noch stark am Vorbild Widors (und Guilmants) orientiert, findet Vierne ab der zweiten Symphonie einen eigenen Stil. Anders als Widor nutzt er häufig die Sonatenform, wobei er die Themen in allen Sätzen beibehält, ein durch Franck und d’Indy bekanntes Verfahren (forme cyclique). In vier Bänden (op. 51, 53-55) veröffentlicht Vierne 24 Pièces de fantaisie, eine Sammlung von Charakterstücken, wovon zwei ausdrücklich nur für das Konzert geeignet sind, die anderen also auch in der Messe gespielt werden können, auch wenn sie nicht für einen speziellen liturgischen Ort konzipiert sind. Kürzer und spieltechnisch leichter sind die 24 Pièces en style libre op. 31 (1913).

Vierne übernahm von Franck den starken Gebrauch der chromatischen Tonleiter, steigerte deren Einsatz jedoch ins Exzessive, was durch den in der Forschung benutzten Begriff “Chromatismus” charakterisiert wird. Dabei verschleiert Vierne das tonale Zentrum der Musik; er verwendet zudem Elemente von Debussys Klangwelt, vor allem die Ganztonleiter und den nicht funktionsharmonischen Einsatz von Sept- und Nonakkorden. Dur-Akkorde werden mit Moll-Dezimen erweitert. Dennoch wäre es verfehlt, von impressionistischer Musik zu sprechen: Vierne bleibt stets Spätromantiker, verbunden mit einer großen Klarheit der formalen Anlage. Der harmonische Reichtum der Musik Viernes steht also in einem Kontrast zu seinem strengen Formempfinden. Weitgehend vergessen ist Viernes reichhaltiges Œuvre für andere Instrumente. Zahlreiche Klavierwerke sind überliefert, auch eine stattliche Zahl von Liedern mit Klavier- oder Orchesterbegleitung. Daneben gibt es großformatige Sonaten für Violoncello und Klavier sowie Violine und Klavier. Ein frühes Streichquartett und ein Quintett (mit Klavier) ergänzen die Kammermusik. In der Pariser Nationalbibliothek befindet sich zudem die handschriftliche Partitur einer Orchestersymphonie.

Markus Frank Hollingshaus
aus: Artikel Vierne, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL)

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